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Die Spiegel-Affäre 1962: „Das Land hätte wirklich entgleisen können“

„Bedingt abwehrbereit“ lautete 1962 die Überschrift des Spiegel-Artikels, in dem es um die Verteidigungsbereitschaft Deutschlands ging, die in den heutigen Kriegszeiten in Europa gefragter denn je ist. Damit wurde damals die Spiegel-Affäre ausgelöst: Polizei-Razzia im Pressehaus am Hamburger Speersort, Herausgeber Rudolf Augstein im Knast, Nazi-Debatte im Bundestag. Rudolf Herbers, geboren 1935 und DJV-Mitglied in Hamburg, war zu der Zeit Redakteur der Frauenzeitschrift Constanze. Die Redaktionen der Frauentitel des Jahr-Verlages lagen gleich neben dem Pressehaus mit Spiegel, Stern und Zeit.

Wie haben Sie in den 1950er-, 1960er- Jahren die Atmosphäre in den Redaktionen erlebt?
Ich habe 1955 bis 1959 bei den Ruhr-Nach-richten (RN) in Dortmund volontiert. Das war schon ein merkwürdiger Laden. Auf der einen Seite waren die RN mit 300.000 Exemplaren Auflage die bürgerliche Zeitung im Westfälischen, hervorgegangen aus der katholisch geprägten Tremonia und nach dem Krieg der CDU und den großen Kirchen nahe stehend. Das hat den Verleger aber nicht daran gehindert, einen Chefredakteur von der nationalsozialistischen Journalisten- schule, einen ehemaligen SS-Offizier, als Politikchef und einen belgischen Karikaturisten zu beschäftigen, der laufend hässliche Karikaturen von Ollenhauer (damals SPD-Vorsitzender) ins Blatt brachte und zuhause wegen Nazikollaboration gesucht wurde. Diese Spitze einer katholisch und christde- mokratisch orientierten großen Tageszeitung wurde überhaupt nicht diskutiert.

Sie sind bald über Stationen in Essen und Bremen nach Hamburg zur Constanze gekommen.
Ja, in Hamburg gab es kein Personal für so viele neue Zeitschriften. In den Redaktionen kamen Leute aus ganz Deutschland zusammen. Ein großer Teil aus dem Ruhrgebiet, wo die vielen lokalen Tageszeitungen fleißig ausbildeten. Wir Journalisten zwischen Speersort und Sprinkenhof waren eine bunte Horde. Die Leute hatten schon was drauf. Das Klima unter uns würde man heute links- liberal nennen, nicht ausgesprochen links und nicht parteilich festgelegt. Alle trugen ihre Kriegserlebnisse mit sich herum. Man war mit dem Aufbau des Landes beschäftigt. Da krachte dann die Spiegel-Affäre rein.

Der 26. Oktober 1962 war ein Freitag. Wann und wie haben Sie von der Polizeiaktion gegen den Spiegel, die Besetzung und Durchsuchung der Redaktionsräume in Hamburg erfahren?
Wir haben das am Montag erfahren. Plötzlich standen alle auf den Fluren. Hast Du schon gehört? Das ist doch nicht möglich! Über das Wochenende waren die meisten irgendwo zu Hause gewesen, und hier in der Stadt traf man sich privat selten. Wegen des Wohnungsmangels wohnten wir ja alle weit auseinander, ich in Wandsbek-Gartenstadt in einer Dachkammer bei Frau Eichmann, so hieß die Arme. Während der Woche traf man sich gern in Stammkneipen, besonders beliebt „Tante Elli“ unten im Sprinkenhof. Die Nachrichten vom Spiegel verbreiteten sich dann erst am Montag.

Wie waren die ersten Reaktionen?
Aufregung und Empörung waren enorm. Wir passten ja alle ganz gut zusammen. Ob Volontär oder Rezeptköchin, Reporter oder Verleger. In dieser Frage hatten wir eine eindeutig einheitliche Meinung: Keine und keiner wollte einen neuen Polizeistaat haben. Alle standen hinter der jungen Bundesrepublik. Bei den Konservativen im Land galt Hamburg damals als linke Presseecke. Wir waren aber nicht links, wir waren linksliberal. Aus Solidarität mit dem Spiegel ordnete unser Verleger John Jahr sofort an, jede zweite Schreibmaschine den Spiegel-Kollegen zu geben. Die saßen dann in unseren Büros und sicherten das pünktliche Erscheinen ihres Hefts – Franz Josef Strauß (damals Verteidigungsminister) zum Trotz.

Apropos Solidarität: Welche Rolle spielte Dr. Alfred Frankenfeld, der damalige Vorsitzende des BHJ (heute DJV), der mit Augstein korrespondierte und der Redaktionsversammlung des Spiegel die Solidarität unseres Verbandes versicherte?
Ich war damals noch kein BHJ-Mitglied. Aber gehen Sie mal davon aus, dass Dr. Frankenfeld für nahezu alle Hamburger Journalisten sprach. Alle standen doch hinter dem Spiegel. Na ja, Verleger Springer muss man da ausnehmen.

Die Spiegel-Räume waren ja für einen Monat komplett dicht, nicht nur die Politikredaktion, einfach alle Ressorts und auch die Buchhaltung...
Ja, sie wollten das störende Magazin fertig- machen. Sie dachten, wenn die vier Wochen nicht erscheinen können, dann sind sie die für immer los.

War die Aktion gegen den Spiegel von langer Hand eingefädelt? Schließlich hatte doch auch die FAZ schon kritisch über die NATO-Übung berichtet?
Ich denke, sie haben immer auf eine Möglichkeit gelauert, den Spiegel mundtot zu machen. Der Spiegel wurde damals von allen Altnazis und noch nicht in der Demokratie Angekommenen als Hauptgegner gesehen. Es gab in den Redaktionen und Verlagen durchaus auch Leute mit bräunlicher Vergangenheit. Aber einige von denen hatten sich jetzt überzeugend und überzeugt hinter die junge Bundesrepublik gestellt. Spiegel, Stern oder Zeit hätten ohne solche Verleger nicht so großen Einfluss entwickeln können.

Im Sinne der Freiheit?
Ja, demokratischer Freiheit in einem liberalen Staat. Die Konfrontation zwischen Altnazis und den Leuten, die dieses braune Gehabe nicht dulden wollten, ging durch die ganze Bundesrepublik. Der Restbestand nazistischen Denkens war immens. Sprüche wie „Man konnte ja nichts dagegen tun“, „Der deutsche Soldat ist sauber geblieben“, „Gemordet hat doch nur die SS“ hörte man in den 50ern und 60ern ständig. Erst die Wehr-machtsausstellung Jahrzehnte später zeigte die ganze verdammte Geschichte.

Spiegel-Herausgeber und DJV-Mitglied Rudolf Augstein saß für den Artikel „Bedingt abwehrbereit“ 103 Tage im Knast. Heute löst es keine Staatskrise mehr aus, wenn ein höherer Militär offen sagt, „wir stehen blank da“. Wie sehen Sie das?
Das ist doch wunderbar, wenn wir heute Leute in hohen Positionen haben, die sagen, was ist. Das hat natürlich da seine Grenzen, wo man potentiell gefährlichen Gegnern Sachen verrät, die sie besser nicht erfahren sollten. Diese Grenze sehen heute bei diesen Waffendiskussionen manche Leute nicht. Aber man kann doch unmöglich breittreten, wann und wo bestimmte Waffen ankommen.

Hat die Spiegel-Affäre die Gesellschaft nachhaltig verändert?
Ich glaube schon. Hier sind doch das erste Mal so hart und so offen die Fronten zwischen Demokraten und Nichtdemokraten aufeinandergeprallt. Eine Party wurde damals schnell politisch. Oft haben sich schon nach einer Viertelstunde die einen und anderen in getrennte Winkel verzogen. Die Spiegel-Affäre hat das hochgespült, was in der Gesellschaft unterschwellig lief. Es war eben nicht so, dass Deutschland plötzlich demokratisch war, sondern es war hochgra- dig gefährlich durchsetzt. So deutlich ist das vorher nicht geworden. Deshalb war es ein wichtiges Ereignis. Was dann die 68er als wache Nachkriegsgeneration („Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren“) für die demokratische Stabilisierung der Bundesrepublik geleistet haben, kann man gar nicht hoch genug einschätzen.

War die Spiegel-Affäre ein Beschleuniger für die Demokratie?
Ja, die Spiegel-Affäre und Strauß haben dafür gesorgt, dass dieses ungute Unterschwellige hochplatzte, überkochte. Auf einmal war es in aller Munde. Und dann ging es ja auch im Bundestag richtig zur Sache. Vorher war man da zurückhaltender. Es waren wahnsinnig mitreißende, spannende Zeiten. Es war so wichtig. Das Land hätte wirklich entgleisen können.

Das Gespräch notierte Marina Friedt.

Rudolf Herbers mit der Korrespondenz zwischen Rudolf Augstein und Dr. Alfred Frankenfeld. (Foto: Marina Friedt)

Rudolf Herbers mit der Korrespondenz zwischen Rudolf Augstein und Dr. Alfred Frankenfeld. (Foto: Marina Friedt)

Im Jahr 2010 hat das Team um Prof. Johannes Ludwig anlässlich des DJV-Jubiläums diesen Film produziert. Uraufgeführt wurde er am 23. November 2010 im Rahmen der Jubiläumsfeier im Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt.

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