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Was junge Journalist*innen von Arbeitgebern erwarten

Viel Arbeit für wenig Geld – das war einmal

05.04.2023

Längst hat der Fachkräftemangel auch die Medienbranche erreicht. Viele Arbeitgeber müssen widerstrebend zur Kenntnis nehmen, dass sie ohne Zugeständnisse im Wettbewerb um den Nachwuchs nicht bestehen können. Für die NORDSPITZE schildern vier junge Journalist*innen, allesamt engagiert in den Jungen-Vertretungen im Norden, ihre Erfahrungen und formulieren Ansprüche und Erwartungen an ihr Berufsleben.

Kilian Genius: Bitte keine „H O-Flatrate“

Kürzlich habe ich in einer Stellenausschreibung den Begriff „H2O-Flatrate“ gelesen. Kein Scherz. Der Arbeitgeber warb damit, dass es in seinem Büro kostenlos Wasser gibt. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich finde, es beschreibt ganz gut, auf welchem Stand einige Redaktionen noch immer sind, wenn es darum geht, den journalistischen Nachwuchs für sich zu begeistern.

Gleichzeitig ist die Erwartungshaltung extrem hoch: Ein abgeschlossenes Studium und Volontariat sowie zahlreiche Praktika und eine mehrjährige Berufserfahrung sind Voraussetzung für einige Jobs. Mit Anfang/Mitte 20 ist das schwer zu erfüllen. Zudem muss man heute als angehender Journalist eine eierlegende Wollmilchsau sein. Gut schreiben zu können, reicht längst nicht mehr aus. Fotografieren, filmen, O-Töne besorgen, Social-Media-Beiträge erstellen – all das gehört mittlerweile dazu. Die Individualisierung der Angebote wird immer größer.

Weil unbezahlte Überstunden für junge Journalisten nicht (mehr) selbstverständlich sind, haben sie den Ruf, verweichlicht zu sein. Was für ein Quatsch! Ich kenne einige junge Kollegen, die morgens die Ersten und abends die Letzten in der Redaktion sind. Nur sind ihre Ansprüche, genauso wie die, die an sie gestellt werden, gestiegen. Sie wollen mitbestimmen. Und dabei geht es in erster Linie nicht ums Geld, sondern um Flexibilität sowie die persönliche und berufliche Entwicklung. Redaktionen müssen ihre eigenen Talente fördern – das ist die beste Mitarbeiterbindung.

Zudem höre ich immer wieder, dass sich die Jungen mit der Medienmarke, für die sie arbeiten, identifizieren wollen. Nachhaltigkeit und Diversität sind für sie keine Modebegriffe. Mit einem Obstkorb und einem Tischkicker lockt man hingegen keinen hinterm Ofen hervor. Dabei werden frische Talente händeringend gesucht. Die Zeiten, in denen sich die Redaktionen ihre Bewerber aussuchen konnten, sind vorbei.

Der Journalismus muss seinen Blick auch mehr für Menschen aus anderen Bereichen öffnen: Menschen, die nicht aus einem Akademikerhaushalt kommen oder den klassischen Weg in den Journalismus gegangen sind. Es braucht sie dringend, nicht zuletzt wegen ihrer Erfahrungen und Perspektiven. Doch wer den Nachwuchs zu sich holen will, muss auf ihn eingehen.

Kilian Genius (25) arbeitet als Volontär bei der dpa. Gemeinsam mit Jördis Früchtenicht leitet er neuerdings beim DJV Nord den Fachausschuss Junge.

Jördis Früchtenicht: Raum, sich auszutesten

Als ich vor rund zehn Jahren mein erstes Praktikum bei einer Lokalzeitung machte, rieten mir Kollegen davon ab, Journalistin
zu werden. Nicht, weil sie ihrem Beruf nicht gern nachgingen – sondern wegen der unklaren Zukunftsperspektiven. Ich hörte nicht auf sie, blieb bei meinem Berufswunsch und bin heute leidenschaftliche Journalistin.

Für mich war es die richtige Entscheidung, insgesamt habe ich aber verstärkt den Eindruck, dass der Nachwuchs ausbleibt. Ob es daran liegt, dass die Zukunftsperspektiven angesichts der sich verändernden Medienlandschaft weiter unklar sind, an den Arbeitsbedingungen, die in anderen Branchen vielleicht attraktiver sind, oder an einer Kombination der Faktoren ist schwer zu sagen. Doch der Fachkräftemangel erreicht wohl auch die Medienhäuser.

In dieser Herausforderung liegt eine Chance: Konnten Verlage, Rundfunkhäuser und Co. früher aus einer großen Schar von Bewerber*innen auswählen, muss heute auf beiden Seiten Überzeugungsarbeit geleistet werden. Das kann die Arbeitsbedingungen verbessern. Durch die Pandemie sind vielerorts Strukturen gewachsen, die mehr Flexibilität zulassen. Das betrifft die Wohnortwahl
– selbst, wenn das Medienhaus in Berlin ansässig ist, kann der Lebensmittelpunkt in Hamburg sein – aber auch die Gestaltung der Arbeitszeit. Journalist*innen arbeiten nun mal nicht von 9 bis 17 Uhr, sondern dann, wenn etwas passiert. Sofern gewünscht, kann das Homeoffice in solchen Situationen helfen, entstandene Überstunden abzubauen.

Doch allein das Argument flexibler Arbeitszeiten und -orte reicht nicht, um Arbeitsplätze im Journalismus langfristig attraktiv zu halten. Gerade mit Blick auf die journalistische Ausbildung würde ich mir wünschen, dass dem Nachwuchs häufiger Raum gegeben wird, sich auszutesten – und dabei Fehler zu machen. Im Alltag ist die Arbeitszeit ein wertvolles Gut, dennoch muss die Möglichkeit bestehen, dass eine Idee mal nicht gelingt. Das ist nicht nur eine wertvolle Lektion. Wer keinen Raum für Fehler lässt, lässt auch keinen Raum für innovative Ideen – weil diese ausgebremst werden, wenn sie zwangsläufig funktionieren müssen.

Herausforderungen beobachte ich auch immer wieder bei Teilzeit-Modellen, die gerade mit dem tagesaktuellen Arbeiten nur schwer vereinbar scheinen, oder wenn ich von Gehaltsverhandlungen höre. Dass sich viele Medienhäuser in einer finanziell schwierigen Lage befinden und Sparzwängen unterworfen sind, ist nicht neu. Dennoch sollte man nicht vergessen, dass den Häusern ohne gute Journalist*innen die Geschäftsgrundlage wegbricht. Und auch, wenn meine Generation gerne mit dem Wunsch nach einer guten Work-Life-Balance in Verbindung gebracht wird – die auch mir selbst wichtig ist –, ist eine faire Bezahlung die Grundlage eines attraktiven Arbeitsplatzes. Das hat sich trotz der vielen Umbrüche in Gesellschaft und Medienland- schaft nicht geändert. So schön sie auch sind: Von Leidenschaft und flexiblen Arbeitsbedingungen alleine kann man nicht leben.

Jördis Früchtenicht (31) ist Online-Redakteurin bei den Kieler Nachrichten. Mit Kilian Genius leitet sie neuerdings den Fachausschuss Junge beim DJV Nord.

Luka Spahr: Was zählt, ist das Ergebnis

Ich habe mehrere Jahre festangestellt bei einer niedersächsischen Lokalzeitung gearbeitet und selbst gesehen, wie es immer schwieriger wurde, offene Stellen in den Redaktionen zu besetzen. Aus meiner Sicht treffen hier drei Dinge aufeinander: Erstens ein Mangel an professionell ausgebildeten Journalist*innen bzw. motivierten Volos, vor allem in ländlichen Regionen. Zweitens zunehmend schlechtere Arbeitsbedingungen in den Verlagen, Rundfunkanstalten und Medienhäusern. Drittens neue Erwartungen an den Arbeitgeber, die selten in vollem Umfang erfüllt werden. Im Klartext müssen sich Arbeitgeber heute einiges überlegen, um – gerade auch in Konkurrenz zu anderen Unternehmen – qualifizierte Mitarbeiter*innen zu binden und vor allem auch zu halten. Gerade der Nachwuchs, die Journalist*innen von morgen, bringen dabei inzwischen oft Ansprüche mit, die es so bislang vielerorts vielleicht noch nicht gegeben hat. Das fängt an bei einer ausgeglichenen Work-Life-Balance (flexible Arbeitszeiten, flexible Arbeitsorte, reduzierte Stundenzahlen) und geht so weit, dass viele sich nach einem „purpose“ in ihrem Job sehnen, dem Gefühl, etwas Sinnvolles und Gutes zu tun. Gleichzeitig gelten klassische Mindestanforderungen wie eine faire Bezahlung (Stichwort: Tarifbindung), die damit verbundene Wertschätzung, ein positives Betriebsklima und ein modernes Unternehmen, das mit der Zeit geht, natürlich weiterhin – selbst hieran mangelt es jedoch in vielen Verlagen und Medienhäusern heute schon. Doch gibt es nicht nur Dinge, die jungen Arbeitnehmer*innen wichtig(er) geworden sind. Es gibt auch vieles, das im Vergleich zu damals für einige an Bedeutung verloren hat: eine lebenslange Anstellung bei einem Verlag oder einer Rundfunkanstalt vom Volo bis zur Rente, überproportionale Gehälter, Prestigeposten, teure Dienstwagen. Viele junge Journalist*innen gewichten ihre Ansprüche und beruflichen Ziele in meinen Augen heute anders. Ich persönlich kann sagen, dass ich eine zeitliche und räumliche Flexibilität im Beruf sehr zu schätzen gelernt habe. Was zählt, ist das Ergebnis. Ob ich die Arbeit im Büro, im Homeoffice, um 6 Uhr morgens oder um 6 Uhr abends mache, bleibt mir überlassen.
Und je weniger hierfür ein Einverständnis bei der oder dem Vorgesetzten eingeholt werden muss, desto besser. Für mich läuft das am Ende vor allem auf eines hinaus: Vertrauen und Pflichtbewusstsein zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer – nicht nur in Bezug auf die Arbeitszeit, sondern auch auf die Arbeit als solche.

Ein großes Problem ist derzeit sicherlich, dass sich an vielen Arbeitsplätzen in der Branche – beziehungsweise auch an der Situation für freie Journalist*innen – nichts verbessert (wie es eigentlich sein sollte), sondern sogar verschlechtert hat. Das fängt bei der Bezahlung an (Stichworte: vergütete Praktika, Inflationsausgleich/-anpassung, gestiegene Lebenshaltungskosten, Lohndumping wie zuletzt etwa bei 450-Euro- Stellen beim Kölner Stadtanzeiger) und hört bei der fortschreitenden Erosion der Pressefreiheit in Deutschland auf.

Ich wünsche mir, dass ich in Zukunft endlich vollumfänglich die Freude aus meinem Beruf als Journalist ziehen kann, die dieser eigentlich mit sich bringt. Für mich entscheidend ist dabei viel Flexibilität und Vertrauen, Respekt und Kommunikation auf Augenhöhe, der Raum, neue Dinge auszuprobieren, sowie ein kreatives, inspirierendes, förderndes, aber auch inhaltlich forderndes Arbeitsumfeld.

Luka Spahr (28) arbeitete in der Podcast-Redaktion der Mediengruppe Kreis-zeitung. Er leitet den Fachausschuss Junge im DJV Bremen.

Sascha Priesemann: Den Wandel mitgestalten

Auch wenn der Fachkräftemangel mittlerweile die Medienbranche erreicht hat, fremdeln Verlage und Medienhäuser aus meiner Sicht noch stark mit dieser Entwicklung. Zwar merken sie zunehmend, dass ihnen junge Journalist*innen den Rücken kehren. Das motiviert Vorgesetzte zu Zugeständnissen, die sie aber viel zu schnell über den Haufen werfen, wenn es mal kritisch wird. Gerade im hektischen Alltag werden Versprechen gerne vergessen, gleichzeitig fehlt es vielfach an Wertschätzung. Das macht gut gemeinte Angebote unglaubwürdig und führt dazu, dass Redaktionen weiter frustrierte Nachwuchskräfte verlieren.

Dennoch ändert sich etwas. Noch vor vier Jahren saß ich in einem Volo-Seminar, in dem eine erfahrene Führungskraft betonte, dass man als junge Journalistin oder junger Journalist erstmal für wenig Geld viel arbeiten müsse. Das würde man heute an gleicher Stelle wahrscheinlich nicht mehr sagen. Für einen echten Kulturwandel fehlen aber noch die Taten. Das wird zum Beispiel bei Honoraren für Freie deutlich. Dass ein Tagessatz von 150 Euro für fertig ausgebildete Journalist*innen kein vernünftiges Angebot ist, kommt manchen Verantwortlichen gar nicht in den Sinn.

Ich habe wie viele meiner Generation aber nicht nur finanzielle Ansprüche. Mein Beruf muss mir die Freiheit geben, auch ein Leben um den Job herum gestalten zu können. Das bedeutet flexible Arbeitszeiten, Homeoffice und auch die Möglichkeit, meine Arbeitszeit an mein Leben anzupassen. Derzeit entsteht bei Bewerbungsgesprächen aber noch zu oft der Eindruck, dass allein die Vollzeitstelle das einzig Wahre ist, um im Job zu bestehen. Mir ist es außerdem wichtig, immer wieder neue Erfahrungen zu machen. Mehrere Jahre lang nur eine Tätigkeit auszuüben, kommt für mich nicht infrage. Dass ich mich innerhalb des Unternehmens umorientieren kann, sollte mir ein Arbeitgeber darum ermöglichen.

Außerdem muss Nachwuchskräften allgemein mehr zugetraut werden. Sie dürfen nicht nur dort geparkt werden, wo gerade Mangel herrscht. Junge Journalist*innen wollen ihre Laufbahn aktiv mitgestalten. Chefredakteur*innen, die sich in ihren Büros verschanzen, werden es schwer haben, Nachwuchskräfte für sich zu gewinnen. Wichtig ist, bei dem Thema nicht nur Volos und junge Redakteur*innen in den Blick zu nehmen. Denn häufig ist es die freie Mitarbeit, die den Weg in den Beruf ebnet. Wer freiberuflich die ersten Schritte in den Redaktionen macht, braucht Vertrauen und Feedback. Freie sollten nicht nur die Themen bekommen, auf die die Festangestellten keine Lust haben – um dann bei der Weihnachtsfeier keine Einladung zu erhalten.

Ich wünsche mir, dass Verlage und Medienhäuser glaubhaft den Kulturwandel einleiten, damit sie für junge Journalist*innen attraktiver werden und sich die Redaktionen diverser aufstellen können. Ich habe mich vor einem Jahr entschieden, meine Stelle als Redakteur zu kündigen, weil ich keine Perspektive für mich gesehen habe. Derzeit freue ich mich über meinen selbstbestimmteren, abwechslungsreichen Alltag zwischen PR und Journalismus. Für meine Zukunft aber wünsche ich mir, den digitalen und strukturellen Wandel in den Redaktionen mitgestalten zu können.

Sascha Priesemann (30) arbeitet als freier Journalist, mit einer halben festen Stelle macht er Öffentlichkeitsarbeit für die Gundlach Bau und Immobilien GmbH. Im DJV Niedersachsen bringt er sich als Leiter der Fachgruppe Junge Journalist*innen ein.

Nordspitze (Auswahl HH)