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Antje Walther (45) über ihr Ehrenamt und die aktuell laufenden Betriebsratswahlen

„Betriebsräte können auch Themen setzen“

05.04.2022

Antje Walther ist seit 2014 im Betriebsrat aktiv. (Foto: Michael Staudt)

„Die Arbeit von morgen heute mitbestimmen“: Unter diesem Motto ruft der DJV bundesweit zu den Betriebsratswahlen 2022 auf. In den Medienunternehmen im Norden stehen sie zwischen März und Mai 2022 an. Antje Walther (45) ist Redakteurin beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (shz) und seit 2014 Betriebsrätin. Im Gespräch mit Kai Dordowsky, der sich im Betriebsrat der Lübecker Nachrichten engagiert, gibt sie Auskunft über Möglichkeiten und Grenzen der Mitbestimmung, was sie selbst motiviert und welche bitteren Momente es gibt.

Bundesweit werden Betriebsräte neu gewählt, auch bei den Tageszeitungen. Treten Sie wieder an?

Ja, ich trete wieder an.

Wie lange machen Sie diesen ehrenamtlichen Job schon?

2014 habe ich zum ersten Mal kandidiert und bin gewählt worden. Ich war zunächst Schriftführerin. 2018 bin ich erneut gewählt worden und wurde Vorsitzende des Flensburger Betriebsrats und des Gesamtbetriebsrats des shz.

Was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Anfangs hat mich gereizt, das Unternehmen besser kennenzulernen. Als Betriebsrätin habe ich ein viel besseres Gesamtbild be- kommen. Außerdem kann ich das Unternehmen mitgestalten. Vor allem aber sind wir für unsere Kolleginnen und Kollegen da.

Was genau sind Ihre Aufgaben?

Ich leite und moderiere Sitzungen, bereite sie vor und nach und halte den Kontakt zum Arbeitgeber.

Betriebsräte überwachen ja auch die Einhaltung von Gesetzen und Tarifverträgen im Unternehmen. Das ist vielen Kolleginnen und Kollegen vielleicht gar nicht klar. Stimmt. Wir reden zudem bei Personalentscheidungen mit. Wir sind zum Beispiel bei Kündigungen und Einstellungen involviert. Es gibt auch schöne Termine – beispielsweise neue Auszubildende zu begrüßen.

Wie viel Zeit investieren Sie in diesen Job? Sind Sie dafür freigestellt von Ihrer Arbeit als Redakteurin?

Wir waren 2018 neun Mitglieder im Betriebsrat und hatten dadurch Anspruch auf eine Freistellung. Wir haben die untereinander aufgeteilt. Ich bin drei Tage in der Woche freigestellt, meine Stellvertreterin zwei Tage in der Woche.

Tageszeitungen verlieren Auflage und Werbeeinnahmen. Seit Jahren wird in den Verlagen Personal eingespart. Betriebsräte können maximal soziale Härten abfedern. Ist das nicht unbefriedigend? 

Soziale Härten abzufedern, ist ja schon mal besser als gar nichts. Es gibt immer Situationen, in denen man mehr für die Kollegenschaft tun möchte.

Sie können aber nur auf unternehmerische Entscheidungen reagieren.

Nein, das sehe ich nicht so. Betriebsräte können auch Themen setzen. In der Pandemie wurden wir von Themen überrollt, da kamen Dinge auf uns zu, die auch für den Arbeitgeber nicht alltäglich waren. Wir haben mal über Geschlechtergerechtigkeit nachgedacht, ein großes Thema, das wir aber erst einmal zurückstellen mussten. Wir dürfen uns die Themen nicht nur diktieren lassen.

Ich selbst habe als Betriebsrat erlebt, dass uns einschneidende unternehmerische Entscheidungen nur wenige Stunden vor der Belegschaft mitgeteilt wurden. Kennen Sie das auch, und was machen Sie dagegen?

Das ist natürlich nicht der Idealfall, kann aber schon mal vorkommen. Um das zu vermeiden, muss man einen engen Kontakt zum Arbeitgeber pflegen. In der Pandemie haben wir uns zum Teil jede Woche mit dem Arbeitgeber ausgetauscht.

Betriebsräte sind ja oft der Kummerkasten der Belegschaft. Was haben Sie alles erlebt? 

Da kann ich schlecht aus dem Nähkästchen plaudern, denn unsere Arbeit als Betriebsrat unterliegt der Schweigepflicht. Es kann schon vorkommen, dass jemand in einem Team nicht zurechtkommt und sich an uns wendet.

Gab es Erlebnisse, die Ihnen an die Nieren gegangen sind?

Ja. Wenn man mitbekommt, dass jemand sich beruflich nicht so entwickeln kann, wie er oder sie sich das vorstellt. Ganz bitter ist es, wenn Kündigungen anstehen.

Welches Standing hat Ihr Betriebsrat bei der Belegschaft?

Das ist schwer zu beantworten. Wenn wir jemandem helfen konnten, wird er sagen, dass wir wichtig sind. Umgekehrt ist jemand enttäuscht vom Betriebsrat, wenn wir nichts ausrichten konnten. Grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass viele Kolleginnen und Kollegen uns wahrnehmen – vielleicht nicht immer so stark, wie wir es gerne hätten. 

Tageszeitungen durchlaufen den digitalen Wandel. Ändert sich dadurch die Arbeit von Betriebsräten?

Auf jeden Fall. Wenn im Unternehmen neue Systeme und Betriebsabläufe eingeführt werden, begleiten wir das als Betriebsrat. Unsere Arbeit ist direkt vom digitalen Wandel betroffen, aber zu unseren Gunsten. Der Gesamtbetriebsrat des Medienhauses shz setzt sich aus Mitgliedern zusammen, die zum Teil Hunderte Kilometer voneinander entfernt arbeiten. Für eine Sitzung mussten sie früher zum Teil weit reisen und viel Zeit investieren. Jetzt machen wir Videokonferenzen, die strukturiert und zeitsparend sind. Die Teilnahme ist besser als bei den Präsenzsitzungen.

Die Pandemie hat viele Arbeitnehmer gezwungen, zu Hause zu arbeiten. War der shz darauf vorbereitet, und was mussten Sie als Betriebsräte alles dafür regeln?

Zu Beginn musste sich einiges erst finden, es ging nicht schnell genug mit der technischen Ausstattung. Wir haben eine Betriebsverein- barung zum mobilen Arbeiten abgeschlossen.

Regionalzeitungsverlage in unserem Land gehören zu größeren Unternehmensver- bünden. Shz und NOZ in einem Medienhaus, was bedeutet das für die Betriebsratsarbeit? 

Wir Betriebsräte sind enger zusammengerückt. Anfangs hat es geruckelt, aber das ist normal. Mittlerweile haben wir monatliche Runden unter anderem mit einigen Osnabrücker Betriebsratsmitgliedern. Wir haben gemerkt, dass wir nicht immer das Rad neu erfinden müssen. Der Austausch ist fruchtbar und konstruktiv.

Aber haben solche Verlage wie die Neue Osnabrücker Zeitung und der shz nicht völlig unterschiedliche Unternehmenskulturen? 

Klar, anfangs mussten wir uns beschnuppern und schauen, wie ticken die anderen? Aber die Themen für Betriebsräte sind doch ähnlich.

Wo hat der shz überall Betriebsräte?

In Schleswig, Husum, Eutin, Büdelsdorf/ Rendsburg, Eckernförde, Neumünster, Itze- hoe und Flensburg. Insofern sind wir anders aufgestellt als die Osnabrücker.

Betriebsratsarbeit lebt von der Bereit- schaft der Kolleginnen und Kollegen, sich aufstellen zu lassen. Wie sieht es bei Ihnen aus für die Wahl?

Die, die dabei waren, bleiben dem Gremium weitgehend treu. Einige Bewerbungen liegen vor.

Genauso wichtig ist es, dass möglichst viele Kolleginnen und Kollegen aus den Redaktionen zur Wahl gehen. Wie war denn vor vier Jahren die Wahlbeteiligung beim shz?

Die Wahlbeteiligung war sehr gut, mehr als zwei Drittel der Belegschaft haben gewählt.

Haben Sie es jemals bereut, diesen Job zu machen?

Ich bin ehrlich. Es gab Situationen, bei denen ich gedacht habe, warum tue ich mir das an? Unterm Strich würde ich aber sagen: Ich bereue es nicht.

(Das Interview führte Kai Dordowsky)

Betriebsratswahlen 2022

Bis in den Mai hinein werden in den nord-deutschen Medienhäusern neue Betriebsräte gewählt. Hier finden Sie die aktuellen Ergebnisse:

www.djv-niedersachsen.de

www.djv-bremen.de

www.djv-hamburg.de

www.djv-sh.de

www.djv.de/brwahl22

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